Leukothoe

 
            Sol bemerkte zuerst, wenn der Ruf nicht täuschet, der Venus
Heimliche Liebe mit Mars; denn zuerst bemerket er alles.
Und ihn schmerzte die Tat; und der Juno Sohne, dem Ehmann,
Sagt' er der Gattin Vergehn, und den Ort des Vergehens. Doch jenem
Sank die Besinnung zugleich und das Schmiedegerät aus der Rechten.
Schleunig schafft er aus Erz sich dünngezogene Kettlein;
Und feinmaschige Netze, die fast den Augen entschwinden,
Feilet er aus: nicht drehet die Spinnerin zartere Fäden;
Nicht mit so duftiger Web' umspannt' die Balken Arachne.
Auch daß, eben berührt, sie den leisteten Regungen folgen,
Macht er, und stellet geschickt sie rings um das Bette verbreitend.
Jetzo, sobald ein Lager das Weib und den Buhlen gesellet,
Siehe, durch Kunst des Gemahls, und neu erfundene Bande,
Werden im Augenblick der Umarmungen beide verhaftet.
Und der Lemnier, öffnend die elfenbeinenen Flügel,
Ladet die Götter heran. Sie ruhn miteinander gefesselt
Lästerlich. Doch wünscht mancher der nicht schwermütigen Götter,
Lästerlich also zu sein. Die Oberen lachten; und lange
Blieb dies allen umher das bekannteste Märchen im Himmel.

Jetzo übt Cytherea der Anzeig' ahndende Strafe;
Und zum Vergelt ihm selbst, der verborgene Liebe gekränket,
Kränkt sie mit Liebe das Herz. Was nun, o du Sohn Hyperions,
Frommt dir deine Gestalt und die Wärm' und der strahlende Schimmer?
Du, da der Lande Bezirk mit deiner Glut du entflammest,
Flammst in anderer Glut; und da alles zu schaun dir gebühret,
Schaust du Leukothoe nur, und senkst auf die einzige Jungfrau
Deinen der Welt entzogenen Blick. Bald steigst du des Morgens
Früher am Himmel empor, bald tauchst du später des Abends.
Winterstunden verlängerst du im unersättlichen Anschaun.
Finsternis duldest du oft, da das Licht den Fehler des Geistes
Annimmt: und du erschreckst der Sterblichen Herz mit Dunkel.
Nicht, weil etwa der Mond, dem Erdkreis näher, dich hemmet,
Schwindet in Blässe dein Glanz; es entfärbt dich also die Liebe.
Jen' erkorst du allein; nicht Klymene fürder, und Rhodos,
Nicht die reizende Perse, der Circe Mutter, beherrscht dich,
Klytie nicht, die, wie sehr auch verschmäht, nach deiner Umarmung
Trachtete. Selbst ja trugst du nunmehr im Herzen die Wunde;
Und Leukothoe tilgte so vieler Frauen Gedächtnis:
Welche die Schönste vordem des balsambauenden Volkes
Ihrem Gatten gebar, Eurynome; und da sie aufwuchs,
Wie vor allen die Mutter, so ragt vor der Mutter die Tochter.
Orchamus hieß ihr Vater, der Achämenier König,
Welcher der Siebente sproßte vom Stamm des alternden Belus.

Unter dem westlichen Pol hat Sol die Weide der Rosse.
Statt des Grases ernährt sie Ambrosia, welche die Glieder,
Matt vom Dienste des Tages, erquickt und kräftigt zur Arbeit.
Während die Stampfenden dort sich himmlische Nahrungen rupfen,
Und rings waltet die Nacht, geht liebend der Gott in die Kammern,
Eingehüllt in der Mutter Eurynome Bildung, und siehet
Unter den zwölf Hausmädchen Leukothoe neben dem Lichte
Ebenes Garn ausziehen an umgedreheter Spindel.
Wie sie nunmehr, als Mutter, ihr Töchterchen zärtlich geküsset:
Heimlich ist unser Geschäft; entfernt euch, sagt sie, ihr Mädchen;
Und nicht stört die Mutter, ein Wort in Vertrauen zu reden!

Alles gehorcht; und sobald das Gemach dem Gotte geräumt war:
Ich bin, sprach er, der Gott, der die Bahn des Jahres durchwandelt;
Alles seh' ich, und gebe dem Erdkreis alles zu sehen,
Ich das Auge der Welt. Du gefällst mir, glaub' es. Sie zaget;
Und vor Schrecken entsinkt aus der Hand ihr Wocken und Spindel.
Schön war selber die Angst; und der Gott, nicht länger verweilend,
Kehrte zurück in die wahre Gestalt und den eigenen Schimmer.
Aber die Jungfrau ward wie geschreckt von dem plötzlichen Anblick,
Doch von dem Schimmer besiegt, und sträubte sich nicht der Umarmung.

Eifersucht entflammte die Klytie; denn ungemäßigt
Liebete Sol; und Rache der Nebenbuhlerin schwörend,
Rügt sie des Gottes Besuch, bis die schleichende Sage den Vater
Warnete. Jetzo voll Wut und unbarmherzig, wie flehend
Jene zum Lichte des Sol auch die Arm' ausstreckt', und: Da ist er,
Der mit Gewalt mich bezwang! ausrief, vergrub er sie grausam
Unter die Erd', und häufte gehügelten Sand zur Bedeckung.
Diesen zerstreut mit Strahlen der Sohn Hyperions, und öffnet
Ausgang dir, zu erheben das eingegrabene Antlitz.
Aber du konntest nicht mehr dein Haupt aufrichten, o Nymphe,
Welk von der lastenden Erd', und du lagst, ein erblichener Leichnam.
Niemals sah, wie man glaubt, der geflügelten Rosse Beherrscher
Seit des Phaethons Brande, so herzzerschneidenden Anblick.
Ach, mit strahlender Glut die erkälteten Glieder bescheinend,
Strebt er, zurück, wenn's möglich, die Lebenswärme zu rufen.
Aber dieweil das Geschick ihm wehrt ein so kühnes Verlangen,
Sprengt er den Leib und den Ort mit balsamduftendem Nektar;
Und da er vieles geklagt: Doch steige mir, sprach er, zum Äther!
Plötzlich zerfloß, durchdrungen vom himmlischen Nektar, der Leib ihr
Aufgelöst, und tränkte mit Wohlgerüchen das Erdreich.
Bald nun wurzelte leis' und drang die Staude des Weihrauchs
Durch die Schollen empor, und brach mit dem Sprosse den Hügel.

Aber der Klytie jetzt, wie sehr die Liebe den Schmerz auch,
Und wie sehr den Verrat ihr Schmerz entschuldigen konnte,
Nahete nimmer der Gott, und entzog ihr Lieb' und Umarmung.
Seitdem schwand sie dahin vor sinnlos starrender Sehnsucht:
Nacht und Tag, von den Nymphen getrennt, in der Freie des Himmels,
Saß sie auf nackendem Grund', ungeschmückt die betaueten Haare.
Neunmal kreiste das Licht; und Trank und Speise verschmähend,
Nahm die Fastende nichts als Tau und Tränen zum Labsal.
Nie auch wich sie vom Ort, und allein des wandelnden Gottes
Antlitz schaute sie an, ihr Gesicht umwendend nach jenem.
Endlich hafteten fest, wie man sagt, am Boden die Glieder,
Teils von fahler Blässe verfärbt zu erblichenem Kraute,
Teils errötend wie Gold; und gleich der gelben Viole
Krönt ihr die Blume das Haupt; obgleich an der Wurzel befestigt,
Dreht sie nach Sol sich herum und behält, auch verwandelt, die Liebe.