C. Plinius grüßt seinen Calvisius

Diese ganze Zeit habe ich in köstlicher Ruhe bei Schreibtafel und Büchern verbracht. Du sagst: "Wie war das möglich, in der Stadt?" - Es gab Zirkusspiele, und diese Art der Schaustellung hat für mich nicht den geringsten Reiz. Nichts Neues, keine Abwechslung, nichts, was einmal gesehen zu haben genügte. Um so mehr wundert es mich, daß so viele Tausende so kindisch immer wieder rennende Pferde und auf den Rennwagen stehende Männer zu sehen verlangen. Wenn jedenfalls die Schnelligkeit der Pferde oder die Kunstfertigkeit der Lenker sie interessierte, wollte ich noch nichts sagen; jetzt aber beklatschen sie nur den Dreß, und ließe man während des Laufs, mitten im Kampf, die Farben ihre Plätze tauschen, dann wird auch ihr Interesse und ihr Beifall den Platz wechseln und sich unversehens abwenden von jenen Lenkern, jenen Pferden, die sie schon von weitem kennen, die sie bei Namen rufen. Solchen Reiz, solche Wirkung hat ein einziger wohlfeiler Rock - ich will nicht sagen: beim Pöbel, der noch wohlfeiler ist als der Rock, aber bei manchen ernstzunehmenden Männern. Wenn ich bedenke, daß sie bei einer so seichten, albernen, eintönigen Sache herumsitzen und nicht genug bekommen können, dann macht es mir doch einiges Vergnügen, daß das mir doch kein Vergnügen macht. Und so widme ich dieser Tage, die andre mit den müßigsten Beschäftigungen vertun, meine Muße herzlich gern den Wissenschaften.

Dein Gaius Plinius

 

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