C. Plinius grüßt seinen Caninius

Da bin ich auf eine wahre Geschichte gestoßen, die freilich aussieht, als wäre sie erfunden, und die Deines glücklichen, reichen, ausgesprochen dichterischen Talents würdig ist; ich bin auf sie gestoßen, als kürzlich allerhand Wundergeschichten von hier und da bei Tische erzählt wurden. Der Erzähler verdient vollen Glauben, doch was kümmert einen Dichter die Glaubwürdigkeit? Immerhin, der Erzähler ist ein Mann, dem DU, selbst wenn Du Geschichte schreiben wolltest, Glauben geschenkt hättest. In Afrika gibt es eine Kolonie Hippo, dicht am Meere gelegen. In der Nähe befindet sich eine schiffbare Lagune; aus ihr führt ein Kanal wie eine Art Fluß ins Meer, der abwechselnd, je nachdem Flut oder Ebbe ist, bald sich ins Meer ergießt, bald zur Lagune zurückströmt. Leute jeden Alters vergnügen sich hier mit Fischen, Kahnfahren und auch Schwimmen, besonders die Jugend, die ihre Freizeit und ihr Spieltrieb dazu reizt. Ihr gilt es als Heldentat, soweit wie möglich hinauszuschwimmen; Sieger ist, wer das Ufer und zugleich seine Mitschwimmer am weitesten hinter sich läßt. Bei diesem Wettkampf wagte sich ein Knabe, der dreister als seine Kameraden war, besonders weit hinaus. Da begegnete ihm ein Delphin, schwimmt vor ihm her, folgt ihm, umkreist ihn, nimmt ihn schließlich auf den Rücken, wirft ihn wieder ab, nimmt ihn noch einmal auf den Rücken, trägt den Verängstigten auf die hohe See hinaus, kehrt dann um und bringt ihn wieder ans Land und zu seinen Kameraden. Die Geschichte macht in der Kolonie die Runde, alles strömt zusammen, bestaunt den Knaben wie ein Wundertier, fragt ihn aus, hört ihn an, erzählt es weiter. Am folgenden Tage belagern sie das Ufer, blicken aufs Meer und alles, was wie Meer aussieht. Die Knaben schwimmen, unter ihnen der Held des Tages, aber vorsichtiger. Wieder ist der Delphin pünktlich zur Stelle, wieder nähert er sich dem Jungen. Der flieht mit den übrigen. Der Delphin schnellt in die Höhe, als wollte er ihn einladen und zurückrufen, taucht, umkreist ihn verschiedentlich und läßt ihn wieder frei. So ging es auch am zweiten, am dritten, an weiteren Tagen, bis die am Meere aufgewachsenen Kinder sich allmählich ihrer Furcht zu schämen beginnen. Sie machen sich an ihn heran, spielen mit ihm, rufen ihn an, berühren ihn sogar und streicheln ihn, und er läßt es sich gefallen. Mit dem geglückten Versuch wächst ihre Kühnheit. Besonders der Knabe, der als erster die Probe gemacht hatte, schwimmt an ihn heran, schwingt sich auf seinen Rücken, läßt sich hin- und hertragen, glaubt von ihm wiedererkannt und geliebt zu werden und erwidert seine Liebe; keiner hat Angst vor dem andern. Der Junge wird immer zutaulicher, der Delphin immer zahmer. Auch andere Knaben schwimmen ihnen rechts und links zur Seite und ermuntern die beiden durch Zurufe. Ein weiteres Wunder: ein zweiter Delphin schloß sich ihnen an, aber nur als Zuschauer und Begleiter, denn er tat und duldete nichts dergleichen, geleitete nur den andern hier- und dorthin, wie den Knaben seine Kameraden. Unglaublich, aber doch ebenso wahr wie alles andre: der Delphin Reittier und Spielgefährte der Knaben, ließ sich sogar ans Land ziehen und wälzte sich, wenn er auf dem Sande trocken geworden war und es ihm zu warm wurde, wieder ins Meer. Soviel ist jedenfalls gewiß, daß Octavius Avitus, ein Legat des Statthalters, das Tier, als es einmal auf den Strand geworfen war, in törichtem Aberglauben mit Salben übergoß, dieses daraufhin vor dem neuartigen, ungewohnten Geruch aufs hohe Meer floh und erst nach vielen Tagen wieder zum Vorschein kam, matt und traurig, dann aber, als es wieder zu Kräften gekommen war, sein altes Spiel und den gewohnten Dienst wieder aufnahm. Alle Beamten strömten zusammen, um sich das Schauspiel anzusehen, aber ihr Kommen drückte das kleine Gemeinwesen mit ungewöhnlichen Auflagen. Schließlich verlor der Ort selbst seine ruhige Abgeschiedenheit; man beschloß, heimlich aus dem Wege zu räumen, was diese Anziehungskraft ausübte. Mit welcher Ergriffenheit wirst Du diese Begebenheit beklagen, mit welcher Fülle ausschmücken, steigern! Indessen brauchtest Du eigentlich nichts hinzuzutun oder hinzuzudichten; es genügt, wenn die Tatsachen voll zur Geltung kommen.

Dein Gaius Plinius

 

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