C. Plinius grüßt seinen Geminus

Du lobst mir häufig gesprächsweise und jetzt auch brieflich Deinen Nonius wegen seiner Freigebigkeit gegen gewisse Personen. Ich schließe mich diesem Lobe an, jedoch unter der Voraussetzung, daß er sie nicht gegen diese allein übt. Von einem wahrhaft Freigebigen verlange ich nämlich, daß er dem Vaterlande, seinen Nächsten, Verwandten und Freunden, bedürftigen Freunden wohlgemerkt, etwas zukommen läßt, nicht, wie die es machen, die vornehmlich denen etwas schenken, die selbst am ehesten dazu in der Lage sind. Mir scheint, ihre Gaben sind mit Leimruten und Angelhaken versehen; sie spenden nicht aus eigenem, sondern haschen nach fremdem Gut. Vom gleichen Kaliber sind diejenigen, die, was sie dem einen geben, dem andern nehmen und aus Habsucht auf den Ruf der Freigebigkeit ausgehen. Nein! Zuerst gilt es, mit dem Seinigen zufrieden zu sein, sodann die, die man besonders bedürftig weiß, zu stützen und zu umhegen und gleichsam mit einem Kreis der Freundschaft zu umziehen. Tut Dein Freund das alles, dann verdient er uneingeschränktes Lob, wenn nur das eine oder das andre, weniger, aber immerhin noch Lob; so selten ist ein Beispiel selbst unvollkommener Freigebigkeit. Die Menschheit ist von solch einer Gier nach Besitz befallen, daß sie anscheinend mehr von ihren Gütern besessen wird, als daß sie sie besitzt.

Dein Gaius Plinius

 

Vielen Dank an www.vox-latina-gottingensis.de