C. Plinius grüßt seinen Maximus

Bei meinen Plädoyers ist mir mehrfach passiert, daß die Zentumvirn, nachdemsielange ihre richterliche Würde und Strenge bewahrt hatten, plötzlich alle gleichsam überwältigt und wie unter Zwang aufsprangen und mir Beifall spendeten; häufig genug habe ich aus dem Senat ein Renommee mit nach Hause genommen, wie ich es mir nicht besserwünschen konnte. Niemals hat mir jedoch etwas solches Vergnügen bereitet wie kürzlich ein Gespräch mit Cornelius Tacitus. Er erzählte mir, bei den letzten Zirkusspielen habe ein Römischer Ritter neben ihm gesessen. Der habe ihn nach einem Gespräch über verschiedene wissenschaftliche Probleme gefragt: "Bist du aus Italien oder aus der Provinz?", und er habe geantwortet: "Du kennst mich, und zwar aus meinen wissenschaftlichen Arbeiten:" Darauf der andre: "Bist du Tacitus oder Plinius?" Ich kann Dir gar nicht sagen, wie mich das beglückt, daß unsre Namen, als gehörten sie der Literatur an, nicht uns Menschen, die Literatur schlechthin repräsentieren, weil wir beide durch unsre Arbeiten auch denen bekannt sind, die uns sonst nicht weiter kennen. Etwas Ähnliches ist mir vor vor ein paar Tagen begegnet. Ich saß bei Tische mit einem ausgezeichneten Manne zusammen, mit Fadius Rufinus, neben diesem ein Landsmann von ihm, der an jenem Tage zum ersten Male in die Stadt gekommen war. Zu dem sagte Rufinus, wobei er auf mich wies: "Kennst du den?", und erzählte dann allerlei von meinen literarischen Arbeiten. Darauf der andre: "Es ist Plinius!" Ich gestehe offen, meine Arbeit trägt reiche Früchte. Wenn Demosthenes sich mit Recht freute, daß eine alte Athenerin ihn wiedererkannte mit den Worten: "Das ist Demosthenes", wie wollte ich mich da nicht der Berühmtheit meines Namens freuen dürfen? Ja, ich freue mich und gebe es offen zu. Daß ich allzu ruhmredig bin, brauche ich doch nicht zu befürchten, da ich mich auf das Urteil andrer, nicht auf mein eignes berufe, zumal vor Dir, der Du niemanden um seinen Ruhm beneidest und mir den meinigen gönnst!

Dein Gaius Plinius

 

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