C. Plinius grüßt seinen Sabinianus

Dein Freigelassener, dem Du, wie Du mir sagtest, böse bist, war bei mir, warf sich mir zu Füßen, als wärest Du es, und wich nicht von der Stelle. Lange weinte er, bettelte lange, schwieg auch lange, kurz, ich gewann den Eindruck, daß er bereut. Ich glaube, er hat sich wirklich gebessert, weil er fühlt, daß er sich vergangen hat. Du bist wütend, ich weiß, und mit Recht, auch das weiß ich; aber gerade dann verdient Nachsicht besonderes Lob, wenn man wohlbegründeten Anlaß zum Zorn hat. Du hast den Mann liebgehabt und wirst ihn hoffentlich wieder liebhaben; einstweilen genügt es, daß Du Dich erweichen läßt. Du darfst ihm wieder zürnen, wenn er's nicht anders verdient, und da mit noch besserem Recht, wenn Du Dich jetzt erweichen läßt. Halte seiner Jugend, seinen Tränen, Deiner Nachgiebigkeit etwas zugute! Quäle ihn nicht und damit auch Dich, denn Du quälst Dich, wenn Du, ein so sanftmütiger Mann, zornig bist! Ich fürchte, es sieht so aus, als bäte ich nicht, sondern suchte Dich zu nötigen, wenn ich mit seinen Bitten die meinigen verbinde; Trotzdem tue ich es, und um so dringender und nachdrücklicher, je schärfer und strenger ich ihn mir vorgenommen habe, indem ich ihm unmißverständlich drohte, mich hinfort niemals wieder für ihn zu verwenden. Das galt für ihn, den ich einschüchtern mußte; nicht so für Dich. Vielleicht werde ich ja noch einmal wieder für ihn bitten, ihm noch einmal wieder Verzeihung erwirken, liegt nur der Fall so, daß ich mitgutem Gewissen bitten, Du nachgeben kannst.

Dein Gaius Plinius