C. Plinius grüßt seinen Geminus

Kennst Du diese Leute, die sich, selbst Sklaven ihrer Lüste, über die Fehler andrer so aufregen, als ob sie sie darum beneideten, und am härtestesten bestrafen, wen sie am meisten nachahmen, während sich auch für die, die niemandes Nachsicht bedürfen, nichts mehr schickt als Milde? Ich für meine Person halte den für den besten, vollkommensten Menschen, der allen andern so verzeiht, als ob er selbst täglich fehlte, und sich so vor Verfehlungen hütet, als ob er niemandem etwas verziehe. Darum wollen wir daran festhalten, daheim, in der Öffentlichkeit, in allen Lebenslagen, daß wir gegen uns selbst unerbittlich sind, versöhnlich auch gegen die, die nur gegen sich selbst Nachsicht zu üben wissen, und uns einprägen, was ein sanftmütiger und eben darum großer Mann, nämlich Thrasea, häufig zu sagen pflegte: "Wer die Fehler der Menschen haßt, haßt die Menschen." Vielleicht fragst Du, weshalb ich Dir das sage. Neulich hat jemand - doch nein, lieber mündlich, oder besser auch das nicht! Ich fürchte nämlich, wenn ich verfolge, durchhechele und weitertrage, was ich an ihm mißbillige, könnte das im Widerspruch stehen zu dem, was jetzt eben vortrage. Wer es ist und wie er ist - Schwamm darüber; nenne ich ihn beim Namen, tut es als Beispiel nichts aus, nenne ich ihn nicht, leiste ich der Menschlichkeit einen guten Dienst.

Dein Gaius Plinius

 

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