C. Plinius grüßt seinen Macrinus

Ist etwa bei Euch so unfreundliches, stürmisches Wetter? Hier haben wir dauernd Sturm und häufig Überschwemmungen. Der Tiber ist aus seinem Bett getreten und setzt an niederen Stellen seine Ufer tief unter Wasser. Obwohl abgeleitet durch den Kanal, den der Kaiser in weiser Voraussicht hat graben lassen, steht er in den Niederungen, überflutet die Felder, und wo der Boden eben ist, sieht man statt des Bodens eine Wasserfläche. Infolgedessen stemmt er sich gewissermaßen gegen die Gewässer, die er sonst aufnimmt und mit sich vereint zum Meere führt, zwingt sie, sich zurückzustauen, und bedeckt so Äcker, die er selbst nicht berührt, mit fremden Wassern. Der Anio, der reizendste aller Flüsse, den deshalb die anliegenden Landhäuser gleichsam zum Verweilen einladen und festhalten, hat die Waldungen, die ihn beschatten, zum großen Teil niedergelegt und fortgerissen; er hat die Berge unterspült, hat, an mehreren Stellen durch den herabstürzenden Schutt abgedämmt, auf der Suche nach dem versperrten Wege Häuser umgerissen und die Ruinen reißend fortgewälzt. Wen das Unheil an höher gelegenen Stellen überraschte, der sah hier den Hausrat und das massive Geschirr der Wohlhabenden, dort landwirtschaftliche Gerätschaften, Stiere und Pflüge mitsamt ihren Führern, hier losgerissenes, sich selbst überlassenes Vieh, dazwischen Baumstämme oder Balken und Dächer von Landhäusern weit und breit wahllos dahintreiben. Aber auch die Örtlichkeiten, bis zu denen der Fluß nicht emporstieg, blieben nicht verschont, denn statt des Flusses gab es hier Dauerregen und Wolkenbrüche. Die Einfriedigungen wertvoller Ländereien wurden umgerissen, Grabdenkmäler beschädigt oder gar umgestürzt. Viele Menschen sind bei derartigen Unglücksfällen verletzt, verschüttet oder zerquetscht worden, und zu dem materiellen Verlust gesellte sich die Trauer. Angesichts des Ausmaßes der Gefahr befürchte ich, daß es bei Euch ähnlich aussieht, und ich bitte Dich, wenn es nicht der Fall ist, schnellstens meiner Besorgnis abzuhelfen, ist es aber doch so, mir auch davon Nachricht zu geben. Denn es ist ziemlich einerlei, ob man ein Unglück erleidet oder erwartet, nur daß der Schmerz seine Grenze hat, die Furcht aber nicht. Denn man bedauert nur so viel, daß es geschehen ist, fürchtet aber alles, was geschehen kann.

Dein Gaius Plinius

 

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