C. Plinius grüßt seinen Severus

Du bittest mich, mir zu überlegen, was Du als designierter Konsul zu Ehren des Prinzeps beantragen sollst. Es ist leicht, die rechte Wahl zu treffen, denn seine Tugenden bieten reichen Stoff. Ich werde Dir jedoch darüber schreiben, lieber noch persönlich mit Dir darüber sprechen, aber erst, nachdem ich Dir meine Bedenken unterbreitet habe. Ich weiß nicht, ob ich Dir dasselbe raten soll, was ich mir zur Richtschnur genommen habe. Als designierter Konsul habe ich auf all das verzichtet, was wie Schmeichelei aussieht, mag es auch keine Schmeichelei sein, nicht um meine Unabhängigkeit und Charakterfestigkeit zu demonstrieren, sondernweil ich unsern Prinzeps kannte und mir bewußt war, daß es das höchste Lob für ihn sein würde, wenn ich nichts gleichsam unter Zwang beantragte. Ich sagte mir auch, daß gerade den schlechtesten Fürsten die meisten Ehren angetragen worden seien, von denen unser trefflicher Kaiser nicht besser abgesetzt werden konnte, als wenn ich das entgegengesetzte Verfahren anwandte, und das habe ich auch nicht verhehlt und verschwiegen, damit es nicht so aussähe, als hätte ich es vergessen und nicht ganz bewußt davon abgesehen. So ich damals. Aber nicht alle denken so, außerdem wechseln die Anlässe, etwas zu tun oder zu lassen, mit den Menschen, den Umständen und Zeitverhältnissen. So bieten die jüngsten Erfolge unsres erlauchten Prinzeps die Möglichkeit zu originellen, eindrucksvollen, aufrichtigen Anträgen. Aus den dargelegten Gründen ist es mir, wie gesagt, zweifelhaft, ob ich Dir dasselbe raten soll, was ich mir damals zur Richtschnur genommen habe. Nur eins ist mir klar: daß ich Dir als Beitrag zu Deinem Entschluß unterbreiten mußte, wie ich selbst es gehalten habe.

Dein Gaius Plinius

 

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