C. Plinius grüßt seinen Tacitus

Es freut mich, dass Du wohlbehalten in die Stadt gekommen bist; Dein Kommen wurde, wenn je, gerade jetzt sehnlich von mir erwartet. Ich selbst werde noch ein paar Tage auf dem Tusculanum bleiben, um das Werkchen abzuschließen, das ich unter den Händen habe. Wenn ich nämlich so dicht vor dem Ende den Faden fallen lasse, werde ich ihn wahrscheinlich nur schwer wiederfinden. Damit jedoch meiner Ungeduld kein Augenblick verloren geht, kündige ich Dir mit diesem Briefe als Vorboten schon jetzt an, um was ich Dich mündlich zu bitten gedenke. Vorweg aber vernimm den Anlass meiner Bitte, dann diese selbst. Als ich kürzlich in meiner Heimat war, kam der junge Sohn eines meiner Landsleute zu mir, um mir seine Aufwartung zu machen. Ich fragte ihn: "Du studierst?" - "Ja." - "Wo?" - "In Mailand." - "Warum nicht hier?" Darauf sein Vater - der war nämlich dabei, hatte den Jungen selbst gebracht -: "Weil wir hier keine Lehrer haben." - "Warum denn nicht? Euch Vätern" - es traf sich gut, dass mehrere Väter es hörten - "müsste doch eigentlich sehr daran liegen, dass Eure Kinder gerade hier ihre Ausbildung erhalten. Denn wo könnten sie bequemer leben als in der Heimat oder besser zum Anstand angehalten werden als unter den Augen ihrer Eltern oder weniger kosten als daheim? Es wäre doch eine Kleinigkeit, Geld zusammenzuschießen und Lehrer anzustellen und alles, was ihr jetzt für Unterkunft, Reisegeld und Anschaffungen in der Fremde aufwendet - und dort muss man alles bezahlen - der Besoldung zuzulegen. Ich, der ich noch keine Kinder habe, bin bereit, für unsre Gemeinde, als wäre sie meine Tochter oder meine Mutter, ein Drittel dessen beizusteuern, was euch aufzubringen beliebt. Ich würde sogar das Ganze auf mich nehmen, müsste ich nicht befürchten, dass diese meine Gabe über kurz oder lang durch Intrigen entwertet würde, wie ja vielerorts geschieht, wo Lehrer von der Gemeinde angestellt werden. Gegen diesen Übelstand gibt es nur ein Mittel: dass man das Recht der Anstellung allein den Eltern überlässt und diese sich durch den Zwang zur Beisteuer. Denn wer es mit fremdem Gut vielleicht nicht so genau nimmt, wird sicher mit seinem eigenen gewissenhaft umgehen und darauf sehen, dass das von mir gestiftete Geld nur ein Würdiger bekommt, wenn er auch aus ihrer Tasche etwas bekommen hat. Darum tut euch zusammen, verständigt euch und nehmt euch ein Beispiel an meinem Wagemut; ich möchte mich zu einem möglichst hohen Betrage verpflichtet sehen. Nichts Ehrenwerteres könnt ihr für eure Kinder, nichts Erwünschteres für eure Heimat tun. Mag hier erzogen werden, wer hier geboren wird, und gleich von Kindheit an lernen, die Stätte seiner Geburt zu lieben und gern an ihr zu weilen. Ich wünschte, ihr engagiertet so angesehene Lehrer, dass die Nachbarstädte sich hier ihre Ausbildung holten und, wie jetzt eure Kinder in auswärtige Orte, so künftig Auswärtige hierher strömten. "Ich hielt es für notwendig, Dir dies weiter ausholend und sozusagen von der Quelle an darzulegen, damit Du besser weißt, wie lieb es mir wäre, wenn Du auf Dich nähmest, was ich Dir zumute. Ich mute Dir zu und bitte Dich in Anbetracht der Bedeutung der Sache, Dich in dem Schwarm von Studierenden, der sich aus Bewunderung für Dein Genie bei Dir einfindet, nach Lehrern umzusehen, die wir dafür interessieren können, allerdings mit dem Vorbehalt, dass ich keine bindenden Zusicherungen machen kann. Denn ich halte alles den Eltern offen; sie sollen urteilen, sie sollen wählen; für mich beanspruche ich nur die Vermittlung und die Besoldung. Findet sich also jemand, der seinem Talent traut, dann mag er hingehen mit dem Bewusstsein, dass er von hier keine andre Sicherheit mitnimmt als sein Selbstvertrauen

Dein Gaius Plinius

 

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