C. Plinius grüßt seinen Macer

Das freut mich riesig! Du studierst die Bücher meines Oheims so gründlich, daß Du alle haben möchtest, und fragst, was er denn alles geschrieben habe. Ich werde also die Rolle des Bibliographen übernehmen und Dir auch gleich angeben, in welcher Reihenfolge sie verfaßt sind, denn auch das zu wissen ist für eifrige Leser nicht uninteressant. 1. Das Speerwerfen im Reiterdienst in einem Buche. Dies hat er mit gleich viel Talent wie Sorgfalt verfaßt, als er als Schwadronschef diente. 2. Biographie des Pomponius Secundus in zwei Büchern. Der Mann schätzte ihn außerordentlich, und er widmete dies Werk dem Andenken des Freundes gleichsam als geschuldete Huldigung. 3. Kriege in Germanien in zwanzig Büchern. In diesen hat er alle Kriege zusammengestellt, die wir mit den Germanen geführt haben. Er begann damit, als er in Germanien Kriegsdienste tat, durch einen Traum gemahnt: im Schlaf trat der Schemen des Drusus Nero, der nach Unterwerfung weiter Teile Germaniens dort ums Leben kam, zu ihm, legte ihm sein Andenken ans Herz und bat ihn, ihn vor der Unbill des Vergessenwerdens zu bewahren. 4. Drei Bücher Studien, wegen des Umfangs auf sechs Rollen verteilt, in denen er den Redner von den Anfangsgründen an unterweist und zur Vollendung bringt. 5. Acht Bücher zweifelhafte Sprachformen schrieb er in den letzten Jahren unter Nero, als die Knechtschaft jede freiere und aufrechtere Art der wissenschaftlichen Betätigung gefährlich erscheinen ließ. 6. Fortsetzung des Aufidius Bassus, einunddreißig Bücher. 7. Siebenund- dreißig Bücher Naturgeschichte, ein umfangreiches, gelehrtes Werk, nicht weniger abwechslungsreich als die Natur selbst. Da staunst Du gewiß, daß der vielbeschäftigte Mann so viel Arbeiten und in ihnen so viele heikle Dinge absolviert hat, und wirst noch mehr staunen, wenn Du hörst, daß er eine Zeitlang auch Prozesse geführt hat, erst 55 Jahre alt gestorben ist und die ihm verbleibende Zeit teils durch dringende Amtsgeschäfte, teils durch die Freundschaft der Kaiser in Anspruch genommen und behindert verlebt hat. Aber er war ein scharfsinniger Kopf, unglaublich interessiert und immer wach. Von den Vulcanalien an begann er gleich tief in der Nacht bei Licht zu arbeiten, nicht um der guten Vorbedeutung willen, sondern der Studiem halber, winters um die siebente oder spätestens achte, oft auch schon um die sechste Nachtstunde; Schlaf stand ihm freilich zu jeder Zeit zu Gebote, befiel und verließ ihn bisweilen sogar beim Studieren. Vor Tagesanbruch ging er zum Kaiser Vespasian, denn auch er war ein Nachtarbeiter, von da zu dem ihm aufgetragenen Dienst. Nach Hause zurückgekehrt, widmete er, was er an Zeit erübrigte, den Studien. Nach dem Essen - er aß nach der Sitte der Alten mehrmals am Tage, leichte, bekömmliche Kost - legte er sich im Sommer, wenn er einen Augenblick Zeit hatte, in die Sonne, ließ sich vorlesen, machte sich Notizen und Exzerpte. Denn er hat nichts gelesen, ohne es nicht auch zu exzerpieren; auch pflegte er zu sagen, kein Buch sei so schlecht, daß es nicht irgendwie Nutzen brächte. Nach dem Sonnenbad folgte meist ein kaltes Bad; darauf nahm er einen Imbiß und schlief dann einwenig. Bald studierte er wieder, als hätte ein neuer Tag begonnen, bis es Zeit zur Hauptmahlzeit wurde. Bei Tisch wurde etwas vorgelesen und Notizen gemacht, und zwar wie im Fluge. Ich entsinne mich noch, wie einmal einer seiner Freunde den Vorleser unterbrach, als dieser eine Stelle schlecht vorgetragen hatte, und verlangte, sie zu wiederholen, und wie mein Oheim zu ihm sagte: "Du hattest es doch verstanden, nicht wahr?", und als der nickte: "Warum unterbrichst Du ihn dann? Mehr als zehn Zeilen haben wir durch diese Störung verloren!" So sparsam ging er mit der Zeit um! Im Sommer stand er noch bei Tage vom Tische auf, im Winter im Laufe der ersten Nachtstunde, wie unter dem Zwang eines Gesetzes. So mitten in den Mühen, im Trubel der Stadt; auf dem Lande ruhten ruhten die Studien nur während der Badezeit. Wenn ich sage "Badezeit", meine ich das eigentliche Bad, denn beim Frottieren und Abtrocknen ließ er sich vorlesen oder diktierte. Auf Reisen widmete er sich, sozusagen aller Sorgen ledig, allein dieser Tätigkeit; ihm zur Seite mit Buch und Schreibtafel ein Stenograph, dessen Hände im Winter durch Handschuhe geschützt wurden, damit nicht einmal rauhes Wetter den Studien einen Augenblick entzöge; darum bediente er sich auch in Rom einer Sänfte. Ich muß noch daran denken, wie er mich zur Rede stellte, weshalb ich zu Fuß ginge. "Du hättest diese Stunden nicht zu verlieren brauchen", sagte er; er hielt nämlich jeden Augenblick für verloren, der nicht auf die Studien verwandt wurde. Diese Anspannung befähigte ihn, die vielen Bände fertigzustellen und mir 160 Hefte mit Auszügen zu hinterlassen, und zwar zweiseitig eng beschrieben, womit sich diese Zahl noch vervielfacht. Er selbst erzählte, diese Aufzeichnungen hätte er während seiner Verwaltungstätigkeit in Spanien für 400 000 Sestertien an Larcus Licinius verkaufen können, und damals waren es noch wesentlich weniger. Wenn Du bedenkst, was alles er gelesen, was alles er geschrieben hat, erscheint es Dir dann nicht unglaubwürdig, daß er daneben noch Verpflichtungen hatte und mit dem Kaiser befreundet war? Und andrerseits, wenn Du hörst, wie viele Mühe er auf seine Studien verwandt hat, hast Du dann nicht den Eindruck, als hätte er verhältnismäßig wenig geschrieben und gelesen? Denn was gibt es, was diese Abhaltungen nicht verhindern oder diese Ausdauer nicht erreichen könnte? Darum muß ich immer lachen, wenn die Leute mich fleißig nennen, wo ich doch im Vergleich zu ihm ein rechter Faulpelz bin! Und etwa nur ich, den die Pflichten gegenüber dem Staat, gegenüber den Freunden in Anspruch nehmen? Wer sein ganzes Leben nur hinter den Büchern sitzt, muß nicht auch der sich im Vergleich zu ihm errötend als träge Schlafmütze vorkommen? Ich habe den Brief über Gebühr ausgedehnt, denn eigentlich wollte ich Dir nur eine Frage beantworten, welche Schriften er hinterlassen habe; sicherlich wird Dir aber dies nicht weniger willkommen sein als die Schriften selbst und Dich nicht nur zu ihrer Lektüre anregen, sondern mit dem Stachel des Wetteifers spornen, etwas Ähnliches zu schaffen.

Dein Gaius Plinius

 

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