Mein lieber Cornelius Priscus,

Ich hörte, dass Valerius Martialis verstorben ist, und ich bin darüber unglücklich. Er war ein begabter, geistreicher, temperamentvoller Mann, und seine Gedichte zeigen sehr viel Humor, viel Galle und nicht weniger Lauterkeit. Ich hatte ihm, als er sich aus Rom zurückzog, einen Reisezuschuss gewährt, aufgrund unserer Freundschaft, aber auch zum Dank für seine Verse, die er auf mich gedichtet hat. Die Ahnen hatten die Sitte, diejenigen, die Einzelpersonen oder ganze Städte gelobt hatten, durch Ehrungen oder Geld zu ehren; heutzutage ist, wie vieles andere schöne, auch diese Sitte abhanden gekommen. Denn nachdem wir aufgehört haben, Lobenswertes zu tun, halten wir es auch für albern, uns rühmen lassen. Du fragst nach den Versen, für die ich mich bedankt habe? Ich würde Dich auf die Buchausgabe verweisen, wüsste ich nicht einige auswendig; gefallen sie Dir, kannst Du die übrigen in dem Buche nachlesen. Er redet die Muse an und bittet sie, mein Haus am Esquilin aufzusuchen und sich ihm in Ehrfurcht zu nähern:

"Doch hüte dich, an die beredte Tür

Zur Unzeit trunken anzuklopfen!

Der er weiht minerva ganz die Tage,

Zu sinnen für der Hundertmänner Ohr,

Das zu bieten, was einst die fere Nachwelt, 

Arpinums Geistesfrucht vergleichen vermag.

Geh zu ihm wenn die Lampen leuchten;

Die Stund' ist dein, wenn Bacchus schwärmt,

Die Rose herrscht, das Haar von Salbe trieft;

Dann wird auch selbst ein strenger Cato mich lesen."

Habe ich es nicht richtig gemacht, dass ich dem, der dies auf mich gedichtet hat, damals in herzlicher Freundschaft das Geleit gab und jetzt um seinen Tod wie um den eines lieben Freundes trauere? Hat er mir doch gegeben, soviel er konnte, hätte mir mehr gegeben, wenn er es gekonnt hätte. Und außerdem, was kann einem Menschen Größeres beschert werden als Ehre und Ruhm, und beides für die Ewigkeit? - "Aber die Verse, dei  er geschrieben hat, werden nicht ewig andauern!" Vieleicht nicht, doch er schrieb sie im Glauben, sie würden es.

Dein Gaius Plinius

 

 

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