Mein lieber Silius Proculus,

Du bittest mich darum, dass ich während meines Landaufenthalts Deine Werke lese und überprüfe, ob sie (schon) für eine Veröffentlichung würdig genug seien; Du bringst Bitten vor, Du nennst ein Beispiel: Denn Du bittest mich, etwas von meiner Freizeit meinen Studien zu entziehen und sie für die Deinen zu verwenden und sagst dazu, auch Marcus Tullius (Cicero) habe sich mit bewundernswerter Großzügigkeit dichterischer Talente angenommen. Aber mich musst Du weder bitten noch dazu anstacheln, denn im allgemeinen umgehe ich die Dichterkunst mit allerhöchster Wertschätzung und verehre auch Dich. Ich werde Deinem Wunsch also Folge leisten und zwar ebenso professionell wie erfreut. Ich bin aber der Meinung, daß ich schon jetzt in der Lage bin zu schreiben, dass Deine Arbeit gut ist und Deinem Publikum nicht vorenthalten werden sollte - soweit es wenigstens aus dem, was Du in meinem Beisein vorgelesen hast zu ersehen war - es sei denn, Deine Rhetorik hat mich geblendet; Du verliest nämlich sehr angenehm und mit großem Geschick. Doch vertraue ich darauf, dass ich mich von meinen Ohren nicht so täuschen lasse, daß meinem Urteil alle Schärfe genommen wird, nur durch einen Ohrenschmaus, es mag vielleicht abgestumpft und ein wenig geschwächt werden, aber ganz und gar entrissen werden kann es mir nicht. Daher spreche ich mich schon jetzt, ohne voreilig zu sein, über das ganze aus, über Einzelheiten werde ich mich beim Lesen informieren.

Dein Gaius Plinius