C. Plinius grüßt seinen Avitus

Es würde zu weit gehen, darauf einzugehen, und es ist auch egal, wie ich dazu gekommen bin, bei einem, den ich gar nicht weiter kenne und der sich für einen großzügigen und doch sparsamen Mann hält, den ich aber für einen geizigen und verschwenderischen halte, zum Nachtessen eingeladen war. Denn sich und einigen wenigen ließ er allerhand auserlesene Delikatessen vorsetzen, den übrigen schäbige und lächerlich kleine Portionen. Auch den Wein hatte er in winzigen Fläschchen in drei Sorten aufgeteilt, nicht, damit man nicht ablehnen könne, eine für sich und uns, eine andre für die geringeren Freunde - er machte nämlich graduelle Abstufungen bei seinen Freunden -, eine dritte für seine und unsere Freigelassenen. Mein Tischnachbar bemerkte das und fragte mich, ob ich das billigte. "Nein" sagte ich. - "Wie hältst Du es denn?" "Ich setze allen dasselbe vor, denn zum Essen lade ich ein, nicht zur Rangverkündung und behandle alle, die ich an einem Tisch platziere gleich. - "Auch die Freigelassenen?" - "Gewiss, denn wenn sie an meinem Tisch sitzen sehe ich in ihnen Tischgenossen, nicht Freigelassene." - Darauf jener: "Das kommt Dir aber teuer zu stehen!" - "Keineswegs:" - "Wie geht das?" - "Weil nicht meine Freigelassenen dasselbe trinken wie ich, sondern ich dasselbe wie sie." Und weiß Gott, zügelt man seine Fresslust, ist es keine große Sache, was man sich gönnt, auch mit mehreren zu teilen. Den Gaumen also muss man zähmen und ihn gleichsam zur Ordnung rufen, wenn man sparen will, und das erreicht man wesentlich einfacher durch eigenes Einschränken als durch die Kränkung anderer. Wozu überhaupt dies ganze Spektakel? Damit Du, ein Mann mit den besten Anlagen, Dir nicht von dem Tafelluxus in gewissen Häusern unter dem Mantel der Sparsamkeit imponieren lässt. Und meine Liebe zu Dir gibt mir das Recht, sooft sich etwas derartiges begibt, Dich an Hand eines solchen Beispiels zu warnen, welchen gefahren du (tunlichst) aus dem Weg gehen solltest. Merke Dir also, daß man nichts mehr meiden muß als diese neumodische Verbindung von Luxus mit Geiz; denn jedes für sich ist schon widrig, zusammen ergeben sie aber Ekel.

Dein Gaius Plinius

 

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