Mein lieber Nepos,

Groß war schon der Ruhm, den Isaeus vor seiner Ankunft hatte, doch bei seinem persönlichen Auftreten, löste er noch größeren Jubel aus. Seine Rhetorik, seine Wortfülle, sein Gedankenreichtum sind nicht gewöhnlicher Natur; er spricht immer ohne sich schriftlich vorzubereiten; aber genau so als hätte er selbiges getan. Er benutzt das Griechische, oder vielmehr das Attische. Eine einführenden Worte sind gepflegt, graziös, gefällig, zuweilen gewichtig und erhaben. Er lässt sich mehrere fingierte Rechtsfälle vorlegen; die Zuhörer dürfen dann wählen, ob er als Verteidiger oder als Vertreter der Anklage sprechen soll. Er steht auf, bringt sein Gewand in die richtige Ordnung und beginnt. Auf der Stelle ist ihm alles, und beinahe alles gleichzeitig, gegenwärtig; tiefgründige Gedanken fließen nur so zu ihm hin, Ausdrücke, aber welche!, die wohlüberlegtesten und anmutendsten.! Seine (überaus) große Belesenheit und seine große Erfahrung als Schriftsteller leuchten in seinen Improvisationen auf. Die Einführung ist passend, die Auslegung klar, das Streitgespräch scharf, die Zusammenfassung überzeugend, das Redekleid edel - kurz gesagt er belehrt, gefällt, bewegt; man hat keine Ahnung worin er am besten ist: viele Enthymémata (Analogieschlüsse), zahlreiche Syllogismen, knapp und fehlerfrei - etwas, das selbst bei schriftlicher Ausarbeitung ein nur schwer erreichbares Ziel darstellt; ein unfassbares Gedächtnis: er gibt das wieder, das er vorher aus dem Stegreif von sich gab und irrt auch nicht mit einem einzigen Wort. Eine  solche Héxis (Fähigkeit) errang er durch Betriebsamkeit und Training; den bei Tag und bei Nacht macht, hört und beredet er nichts anderes. Er hat das sechzigste Lebensjahr vollendet und ist immer noch nur Gelehrter. Es gibt keine aufrichtigeren, schlichteren oder fähigeren Menschen als jene; wie nämlich, die wir uns auf dem Forum mit wirklichen Rechtsfällen herumplagen, lernen, ohne es (aktiv) zu wollen, viel Böses hinzu. Schule, Hörsaal und fiktive Rechtsfälle sind leichte, unschuldige, aber auch glücklich machende Dinge, besonders für Menschen hohen Alters; denn was kann im Alter schöner sein als das, was uns in der Jugend die meiste Freude machte? Darum ist Isaeus meiner Meinung nach nicht nur der rheorisch beste, sondern auch der glücklichste Mensch und wenn es Dich nicht reizt ihn kennenzulernen, so musst Du (zweifellos) ein Herz aus Stein und Eisen haben. Deshalb komm, wenn nicht aufgrund anderer Dinge und unsretwegen, so doch sicher, um ihm zuzuhören! Hast Du nie davon gelesen, daß ein Mann aus Cadiz, von Namen und Ehre des Titus Livius vom Ende der Welt her angereist kam, um ihn zu sehen, und der sofort nachdem er ihn gesehen hatte, wieder nach Hause gegangen ist? Aphilókalos (jeder Schönheit unzugänglich),  ungebildet, faul, und fast schon hoffnungslos muss derjenige sein, dem eine Solche Bekanntschaft nicht soviel wert ist, gibt es doch nichts Besseres und Schöneres, quasi eines echten Menschen Würdigeres. Du wirst entgegnen: "Ich habe hier nicht minder bekannte Autoren, von denen ich zu lesen vermag". Sicher, aber zu lesen bist Du allzeit in der Lage, zu hören nicht. Außerdem ist es viel imposanter einen Menschen, wie man es so nennt viva voce zu hören. Denn auch wenn das Gelesene tiefsinniger sein mag, das was der echte Vortrag, das Gesicht, die Haltung, auch das Verhalten des Redners uns einprägt, dringt tiefer in (unser/das) Herz ein - es sein denn wir würde das Wort des Aischines für falsch halten, das er nachdem er in Rhodos eine Rede des Demosthenes unter allgemeinem Beifall vorgelesen hatte und dann hinzugefügt haben soll: "Was erst, wenn ihr den Kerl selber gehört hättet?" Und dennoch war Aischines, wenn wir Demosthenes Glauben schenken wollen, lamprophonótatos (mit einer prächtigen Stimme ausgestattet) gewesen. Trotzdem gestand er, die Rede um vieles besser von demjenigen gehalten worden, der sie kriiert hatte. All dies hat de Tatsache zu Ziel, daß Du Isaeus zuhören kommst - und sei es nur, damit Du ihn einmal gehört hast.

Dein Gaius Plinius