Mein lieber Minicius Fundanus

Sonderbar! Nimmt man sich einen Tag in der Stadt, geht die Rechnung auf oder scheint zumindest aufzugehen; nimmt man mehrere zusammen, stimmt sie nicht mehr. Denn fragst Du jemanden: "Was hast Du heute getan?" antwortet er vieleicht: "Ich habe einer Togaverleihung beigewohnt, habe eine Verlobungsfeier oder Hochzeit besucht, jemand hat mich zur Unterzeichnung eines Testaments, ein anderer um Vertretung vor Gericht, ein dritter um eine Besprechung gebeten." Was an dem einen Tage, an dem Du es getan hast, unvermeidlich gewesen zu sein scheint, das erscheint Dir, wenn Du in Betracht ziehst, daß Du es jeden Tag getan hast, unwesentlich, und noch viel mehr, wenn Du Dich in die Einsamkeit zurückgezogen hast. Dann nämlich kommt Dir der Gedanke in den Kopf: "Wie viele Tage habe ich doch mit so stupiden Dingen vertan! Mir ergeht es so, seit ich auf meinem Laurentum bin und etwas lese oder schreibe oder mich der Körperpflege widme, der Körper, der ja den Geist stützt und rege hält. Ich höre nichts und sage nichts, was ich hinterher bereuen könnte; niemand fällt vor meinen Augen (Ohren) jemanden anderes mit niederem Tratsch an, und ich tadle niemanden, außer vieleicht mich selbst, wenn ich mich beim Schreiben als zu umgeschickt erweise; keine Hoffnung, keine Furcht regt mich auf, kein dummes Geschwätz beunruhigt mich; ich fürhre den dIalog nur mit mir und meinen Büchern. O welch gesundes, reines Leben, oh  süße, ehrbare Muße, schöner fast als alles Tun! Oh, mein Meer, mein Meeresstrand, wahrer und heimlicher Musenstitz! Wie viele Gedanken gebt ihr mir ein, wie viele Gedanken vermittelt ihr mir! Darum verlass auch Du diesen Lärm dort, dieses übertriebene Bemühen, diesen schädlichen Stress, sobald sich eine Gelegenheit dazu bietet, und überlass Dich den Studien oder der Muße. Denn wie unser Atilius sehr geistreich und witzig sagt: Müßigsein ist besser als Rumsitzen.

Dein Gaius Plinius

 

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