C. Plinius grüßt seinen Falco

Du fragst, ob ich der Meinung sei, daß Du während Deines Tribunats plädieren dürftest. Es kommt darauf an, welche Bedeutung Du dem Tribunat beimißt, ob Du es als "leeren Schatten", als "nichtssagenden Ehrentitel" betrachtest oder als ein sakrosanktes Amt, das von niemandem und so auch nicht von seinem Inhaber entwertet werden darf. Als ich Tribun war, mag ich mich vielleicht geirrt haben, wenn ich meinte, etwas Besonderes zu sein, aber als ob ich es wäre, habe ich auf jede Tätigkeit vor Gericht verzichtet, erstens, weil ich es für erniedrigend hielt, wenn der Mann, vor dem alle aufstehen, dem alle Platz machen müssen, stünde, während alle andern säßen, daß ihm, der jedem das Wort verbieten kann, von der Wasseruhr Schweigen geboten wird, daß er, dem ins Wort zu fallen verpönt ist, sogar Schmähungen zu hören bekommt, und wenn er sie ungerügt läßt, für schlapp, wenn er sie rügt, für überheblich gilt. Und noch eine weitere Besorgnis stand mir vor Augen: Wen etwa mein Mandant oder dessen Kontrahent an mich appellierte, sollte ich dann einschreiten und Beistand leisten oder mich ruhig verhalten, schweigen, gewissermaßen mein Amt niederlegen und mich selbst zum Privatmann machen? Diese Überlegungen waren es, die mich bewogen, mich lieber allen als Tribun zur Verfügung zu haltenals einigen wenigen als Rechtsbeistand. Aber wie gesagt, es kommt darauf an, welche Bedeutung Du dem Tribunat beilegst, welche Rolle Du zu spielen gedenkst; ein kluger Mann paßt sich so an, daß er sie auch durchführen kann. 


Leb' wohl! 

Dein Gaius Plinius

 

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