C. Plinius grüßt seinen Arrianus

Weil ich mir schon denke, dass Du erst später hierher kommen wirst, lasse ich Dir die Arbeit, die ich Dir im meinem früheren Briefen versprochen hatte, zustellen. Bitte lies und korrigiere sie wie üblich, um so mehr als ich meiner Ansicht nach bis jetzt noch nie irgendetwas mit gleichem Zélas (d.h. mit gleichem Einsatz, einem großen Vorbild nachzueifern) geschrieben habe. Den von Dir schon ewig verehrten Demosthenes und den von mir erst seit kurzer Zeit verehrten Calvus nachzuahmen war mein Ziel, zumindest soweit die Äußerlichkeiten des Stils betrifft; denn die Stärke der Männer von solchem Schlag können nur "wenige, denen Gott es gegeben", erlangen. Die Materie selbst war aber für eine solche - ich habe Angst mich im Ton zu vergreifen -, für eine solche Rivalität sehr geeignet; er verlangte nämlich beinahe durchgehend einen kraftvollen Stil, was mich, der ich vor soviel Faulheit eingeschlafen war, aufweckte - wenn ich überhaupt aufgeweckt werden kann. Trotzdem haben wir die "Salbtöpfchen" unseres Marcus (Cicero) nicht ganz verbannt und sind auch, immer wenn es uns richtig schien, bestimmten, nicht unangemessenen, hübschen Wirkungen zuliebe ein wenig vom Weg abgerückt; wir wollten nämlich streng, aber nicht langweilig sein. Natürlich gibt es keinen Grund zu denken, ich würde mit dieser Einschränkung Gnade für Recht verlangen. Denn um die Schärfe Deiner Feile noch zu steigern, möchte ich zugeben, dass meine eigene Person und meine Freunde einer Publikation nicht abgeneigt sind, falls Du (es schaffst) in unserer Unentschiedenheit den entscheidenden Ausschlag zu geben. Denn ohne Frage wird etwas veröffentlicht werden; und möge es doch gerade das sein, was schon bereit liegt! (Wiederum) hörst Du die Stimme der Faulheit" Eine Veröffentlichung aber wird durch mehrere Tatsachen unabdingbar, vor allem die, dass die Schriftstücke, die wir publiziert haben, allem Anschein nach, noch immer gelesen werden, obwohl sie nicht mehr den Reiz des Unberührten haben -es sei denn, die Buchhändler wollten uns schmeicheln. Aber sie sollen nur schmeicheln, solange sie uns durch das Schwindeln unsere literarische Arbeit ans Herz legen!

Dein Gaius Plinius