C. Plinius grüßt seinen Mauricus

Du bittest mich, nach einem Gatten für die Tochter Deines Bruders Umschau zu halten, und Du tust recht daran, gerade mich damit zu betrauen. Du weißt ja, wie ich diesen bedeutenden Mann verehrt und geschätzt habe, wie er mich in meiner Jugend mit seinen Ermahnungen gefördert hat, wie sein Lob dazu diente, mich lobenswert erscheinen zu lassen. Du konntest mir keinen bedeutsameren und angenehmeren Auftrag erteilen und ich keinen ehrenvolleren übernehmen, als die Auswahl eines Mannes, der würdig wäre, einem Arulenus Rusticus Enkel zu schenken. Da hätte man freilich lange suchen müssen, wenn nicht Minicius Acilianus bereitstände und gleichsam dazu prädestiniert wäre. Als Altersgenossen verbindet ihn herzliche Freundschaft mit mir; er ist ja nur ein paar Jahre jünger, und doch verehrt er mich wie einen Greis. Denn er möchte von mir so angeleitet und unterwiesen werden, wie ich es von Euch gewohnt war. Er stammt aus Brixia, jener Gegend unseres lieben Italiens, die bis auf den heutigenTag ein Gutteil alter Sittsamkeit, Biederkeit und ländllicher Einfachheit behalten hat und weiter bewahrt. Sein Vater Minicius Macrinus ist der erste Mann im Ritterstande, weil er nicht höher hinaus wollte; denn obwohl der verewigte Vespasian ihn zum Range eines Prätoriers erhob, zog er ein ehrsames Leben in der Stille dieser unsrer Eitelkeit oder meinetwegen Würde vor. Seine Großmutter mütterlicherseits, Serrana Procula, stammt aus der Landstadt Patavium. Du kennst die Lebensart dieses Ortes, doch Serrana gilt selbst den Patavinern als ein Muster der Sittenstrenge. In P. Acilius besitzt er auch einen Oheim von nahezu einzigartiger Charakterfestigkeit, Klugheit und Zuverlässigkeit. Kurz gesagt: In der ganzen Familie wirst Du nichts finden, was Dir nicht wie in Deiner eigenen gefiele. Acilianus selbst ist ein überaus regsamer, energischer und dabei doch völlig anspruchsloser Mann. Quästur, Tribunat und Prätur hat er in allen Ehren durchlaufen und es Dir somit erspart, Dich für ihn verwenden zu müssen. Er besitzt ein offenes Gesicht, stark durchblutet, tiefrote Wangen, natürliche Schönheit in seiner ganzen Erscheinung un d gewissermaßen senatorischen Anstand. Das alles sind Eigenschaften, die man doch keinesfalls unbeachtet lassen sollte; die Mädchen verdienen sie als eine Art Belohnung für ihre Sittsamkeit. Ich weiß nicht, ob ich noch bemerken muß, daß sein Vater ein sehr vermögender Mann ist. Denn wenn ich mir vorstelle, daß Ihr es seid, für die wir einen Schwiegersohn suchen, brauche ich über Geldverhältnisse wohl kein Wort zu verlieren; blicke ich aber auf die allgemeinen Anschauungen und nun gar auf die Gesetze unsres Staates, die in erster Linie die Vermögenslage des Bürgers berücksichtigen zu müssen glauben, dann darf ich wohl auch diesen Punkt nicht übergehen. Und vollends wenn man an Nachkommenschaft denkt, dann muß man auch diesen Posten bei der Auswahl des Ehepartners in Rechnung stellen. Vielleicht meinst Du, ich hätte mich von meiner Liebe hinreißen und alles glänzender erscheinen lassen, als es in Wirklichkeit ist. Nein, ich gebe Dir mein Wort, Du wirst alles noch weit glänzender finden, als es von mir gepriesen wird. Gewiss, ich liebe den jungen Menschen glühend, wie er es verdient, aber gerade diese Liebe verpflichtet mich, sein Lob nicht zu übertreiben. 

Leb' wohl! 

Dein Gaius Plinius

 

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