C. Plinius grüßt seinen Sosius

Eine reiche Ernte an Dichtern hat dieses Jahr geliefert; im ganzen Monat April beinahe kein Tag, an dem nicht jemand vorgetragen hätte. Es freut mich, daß die Studien blühen, die Talente sich zeigen und produzieren; freilich kommt man nur verdrossen zusammen, um sie zu hören. Die meisten sitzen in ihren Lokalen und vertun die Zeit des Vortrags mit Schnurrpfeifereien, lassen sich von Zeit zu Zeit melden, ob der Vortragende schon eingetreten ist, ob er die Vorrede gesprochen hat, ob er sein Manuskript schon zum größeren Teil abgerollt hat, dann kommen sie herein und auch jetzt noch zögernd und bedächtig, halten aber nicht durch, sondern verdrücken sich vor dem Ende, die einen heimlich und verstohlen, einige offen und ungeniert. Zur Zeit unserer Eltern war das anders. Da soll einmal der Kaiser Claudius, als er auf dem Palatin spazieren ging und Lärm hörte, nach der Ursache gefragt haben, und als man ihm sagte, Nonianus trage vor, sei er unvermutet und unerwartet für den Vortragenden eingetreten. Heutzutage kommen gerade die Leute, die am meisten Zeit haben, nachdem sie lange vorher eingeladen und immer wieder daran erinnert worden sind, entweder überhaupt nicht, oder wenn sie kommen, beklagen sie sich, den Tag vertan zu haben, weil sie ihn nicht vertan haben. Um so mehr Lob und Anerkennung verdienen die, die diese Faulheit, dieser Hochmut der Hörer nicht in ihrem Eifer zu schreiben und vorzutragen lähmt. Ich für meine Person habe kaum jemanden im Stiche gelassen. Meist waren es allerdings Freunde von mir; es gibt ja auch kaum jemanden, der die Studien und nicht auch zugleich mich liebte. Darum bin ich länger, als ursprünglich beabsichtigt, in der Stadt geblieben. Jetzt endlich kann ich die Einsamkeit aufsuchen und etwas schreiben, was ich aber nicht vorzutragen gedenke, sonst könnten die, deren Vorträgen ich beigewohnt habe, den Eindruck gewinnen, ich sei nicht als Hörer, sondern als Gläubiger zugegen gewesen. Denn wie sonst in allen Dingen, geht auch bei diesem Freundschaftsdienst des Zuhörens der Dank verloren, wenn man erwartet, ihn erwidert zu sehen. 


Leb' wohl! 

Dein Gaius Plinius

 

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