C. Plinius grüßt seinen Tiro

Ich habe einen sehr schweren Verlust erlitten,, wenn man den Verlust eines so bedeutenden Mannes einfach einen Verlust nennen kann. Corellius Rufus ist aus dem Leben geschieden, und zwar freiwillig, was meinen Schmerz noch verschlimmert. Ist es doch besonders traurig, wenn der Tod nicht natürlich und schicksalhaft erscheint. Denn bei denen, die von einer Krankheit dahingerafft werden, liegt immerhin ein starker Trost eben in der Unabwendbarkeit; bei denen, die ein freiwilliger Tod entführt, ist der Schmerz darüber unheilbar, weil man glaubt, sie hätten noch lange leben können.Corellius sah sich von höchster Vernunft, die dem Weisen als Notwendigkeit gilt, zu diesem Entschluß getrieben, obwohl er viele Gründe hatte, am Leben zu hängen, ein reines Gewissen, den besten Ruf, hohes Ansehen, außerdem eine Tochter, eine Frau, einen Enkel und neben all diesen Unterpfändern der Liebe echte Freunde. Aber ihn plagte eine so langwierige, quälende Krankheit, daß diese Reize, die ihn ans Leben fesselten, von den Gründen, in den Tod zu gehen, aufgewogen wurden. Im 33. Lebensjahre ist er, wie ich von ihm selbst gehört habe, von der Gicht befallen worden. Das war ein Erbübel vom Vater her; wie andre Dinge, werden ja oft auch Krankheiten durch mehrere Generationen vererbt.Solange er in der Blüte der Jahre stand, gelang es ihm, durch Enthaltsamkeit und geregelte Lebensweise sein Leiden zu besiegen und zu entkräften; in der letzten Zeit, als es mit mit dem Alter schlimmer wurde, suchte er es durch eiserne Willenskraft zu bändigen, obwohl er unglaubliche Qualen und abscheuliche Martern erlitt. Denn der Schmerz saß jetzt nicht mehr wie früher allein in den Füßen, sondern durchströmte alle Glieder. Ich habe ihn noch zur Zeit Domitians besucht, als er in seinem Suburbanum darniederlag. Die Sklaven verließen das Zimmer - das pflegte er so zu halten, wenn ein besonders vertrauter Freund eintrat -, sogar seine Gattin, die doch in alle Geheimnisse eingeweiht war, zog sich zurück. Er ließ seine Augen umherschweifen und sagte dann: "Warum ertrage ich diese entsetzlichen Schmerzen wohl so lange? Natürlich nur, um diesen Strolch jedenfalls um einen Tag zu überleben." Hätte man diesem Geist einen ebenbürtigen Körper gegeben, er hätte ausgeführt, was er ersehnte. Doch Gott erhörte seinen Wunsch, und als er ihn erfüllt sah und nunmehr unbesorgt und frei sterben konnte, da zerriß er die vielen, doch allzu lockeren Bande des Lebens. Sein Leiden hatte sich weiter verschlimmert; er suchte es wieder durch Maßhalten zu lindern; als es anhielt, brachte er den Mut auf, sich ihm zu entziehen. Schon den zweiten, dritten, vierten Tag verweigerte er die Nahrungsaufnahme. Da schickte seine Gattin Hispulla unsern gemeinsamen Freund C. Geminius zu mir mit der erchütternden Botschaft, Corellius sei fest entschlossen zu sterben und lasse sich weder durch ihre noch durch ihrer Tochter Bitten davon abbringen; ich sei jetzt der einzige, der ihn noch ins Leben zurückrufen könne. Ich machte mich eilends auf den Weg, war bereits ganz in der Nähe, als mir wieder Hispulla durch Iulius Atticus sagen ließ, auch ich würde nichts mehr ausrichten, so starrsinnig habe er sich darauf versteift. Als der Arzt ihm zu essen geben wollte, hatte er gesagt: "Mein Entschluß steht fest!", ein Wort, das in meiner Seele tiefen Schmerz, aber auch hohe Bewunderung auslöste. Ich weiß, welch treuen Freund, welch großen Mann ich in ihm verloren habe. 67 Jahre alt ist er geworden, selbst für Kerngesunde ein recht hohes Alter, gewiß! Er hat sich endlosem Siechtum entzogen, richtig! Er ist heimgegangen, während seine Lieben noch am Leben waren und der Staat wieder aufblühte, der ihm mehr galt als alle seine Lieben; auch das weiß ich. Trotzdem schmerzt mich sein Tod wie der eines Mannes in den besten Jahren, schmerzt mich - magst Du mich gleich für einen Schwächling halten - ganz persönlich. Denn ich habe den Augenzeugen, den Lenker und Lehrer meines Lebens verloren. Um es in ein Wort zu fassen, wiederhole ich, was ich in frischem Schmerz zu meinem Freund Calvisius gesagt habe: "Ich befürchte, daß ich mich jetzt gehen lasse." Darum sprich mir Trost zu; aber komm mir nicht mit "er war ein alter Mann und gebrechlich" - das weiß ich ja selbst -, sondern bring' etwas Neues, Wirksames, was ich noch nie gehört, noch nie gelesen habe. Denn was ich gehört und gelesen habe, kommt mir ohnehin in den Sinn, verfehlt aber bei so tiefem Schmerz seine Wirkung.


Leb' wohl! 

Dein Gaius Plinius

 

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