C. Plinius grüßt seinen Clemens

Wenn jemals Kunst und Wissenschaft in unserer Stadt geblüht haben, dann blühen sie jetzt besonders. Dafür gibt es viele glänzende Beispiele; eins würde genügen: Der Philosoph Euphrates. Als ich in ganz jungen Jahren in Syrien Kriegsdienste tat, habe ich in seinem Hause verkehrt, ihn aus nächster Nähe kennengelernt und um seine Liebe geworben, obwohl sich das eigentlich erübrigte. Denn er ist ein zugänglicher, aufgeschlosener Mann, erfüllt von der Menschenfreundlichkeit, die er lehrt. Ach, möchte ich doch die Erwartungen, die er damals für mich hegte, so erfüllt haben, wie er seinen Vorzügen immer wieder neue hinzugefügt hat! Vielleicht erwecken sie heute auch nur größere Bewunderung in mir, weil ich sie besser begreife. Freilich, auch jetzt begreife ich sie noch nicht ganz.Denn wie über einen Maler, einen Gemmenschneider, einen nur ein Künstler urteilen kann, so kann auch nur ein Weiser einem Weisen ganz gerecht werden.  Soweit ich mir jedoch ein Urteil erlauben darf, besitzt Euphrates so viele hervorstechende, glänzende Eigenschaften, daß sie auch nur halbwegs Gebildete anziehen und beeindrucken. Sein Vortrag ist gründlich, eindringlich und anziehend in der Form, erhebt sich oft sogar zur Erhabenheit und Fülle des Ausdrucks eines Plato. In der Unterhaltung ist er gehaltvoll und abwechslungsreich, vor allem aber liebenswürdig, so daß er sogar seine Widersacher fesselt und mitreißt. Dazu kommt ein hoher Wuchs, ein edles Antlitz, herabwallendes Haar und ein langer, eisgrauer Bart; mag man das für unwesentliche Äußerlichkeiten halten, ihm verleiht es doch eine besondere Ehrwürdigkeit. Nichts Starres, Trübseliges in seiner Haltung, nur tiefer Ernst; wer ihm begegnet, empfindet Ehrfurcht, nicht Scheu. Unbedingte Reinheit ist der Grundzug seines Wesens, gepaart mit grenzenloser Güte; er bekämpft die Laster, nicht die Menschen, und wer irrt, den schilt er nicht, sondern sucht ihn zu bessern. Mit gespannter Aufmerksamkeit folgt man seinen Mahnungen und möchte sich weiter überzeugen lassen, selbst wenn man eigentlich schon überzeugt ist. Übrigens hat er drei Kinder; zwei Söhne, die er aufs sorgfältigste unterweist.Sein Schwiegervater ist Pompeius Iulianus, berühmt und angesehen wegen seiner ganzen Lebenshaltung, besonders aber durch einen Umstand, daß er, selbst der erste Mann in der Provinz, unter den Bewerbern aus den höchsten Kreisen wählen konnte, aber zum Schwiegersohn nicht den ehrenreichsten, sondern den weiseseten erkor. Aber warum noch viel reden von einem Manne, dessen Umgang zu genießen mir doch nicht vergönnt ist? Etwa um mich noch mehr zu quälen, daß es mir nicht vergönnt ist? Meine zwar wichtige, aber unerquickliche Tätigkeit nimmt mich ja ganz in Anspruch; ich sitze in meiner Amtsstube, bearbeite Eingaben, stelle Berechnungen zusammen, verfasse einen Wust von Schriftstücken, die mit Schrifttum gar nichts zu tun haben. Ab und zu - denn wann komme ich schon dazu? - klage ich Euphrates mein Leid über diese Tätigkeit. Der tröstet mich dann und erklärt mir, auch das sei ein Teil der Philosophie und zwar der schönste, Staatsgeschäfte zu verrichten, zu untersuchen, zu urteilen, die Gerechtigkeit ans Licht zu ziehen und auszuüben und in die Praxis umzusetzen, was die Philosophen lehren. Aber mich überzeugt er nicht davon, daß es besser ist, diesen Unsinn zu treiben, als hörend und lernend den ganzen Tag mit ihm zu verbringen. Um so mehr rate ich Dir, der Du Zeit dazu hast, sich ihm, wenn Du demnächst in die Stadt kommst - und Du solltest deswegen recht bald kommen! -, zur Glättung und Ausfeilung zu überlassen. Denn ich beneide niemanden, wie viele tun, um ein Glück, das mir selbst abgeht; im Gegenteil, ich fühle mich ausgesprochen befriedigt, wenn ich sehe, daß das, was mir versagt ist, meinen Freunden zuteil wird. 

Leb' wohl! 

Dein Gaius Plinius

 

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